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Darf`s ein bisschen schwerhörig sein?


Wenn man mit schwerhörigen Menschen oder Freunden zusammen ist, kann man so vieles erleben. Die Wichtigkeit des gut Hörens wird in der Gesellschaft immens unterschätzt. Oft wird falsch verstanden, daraus ergeben sich Missverständnisse. Missverständnisse sind ärgerlich, aber unter schwerhörigen Menschen stehen diese oft an der Tagesordnung. Denn wenn etwas falsch verstanden wird, dann folgt eine falsche Auslegung und Deutung. Die Reaktion aus der guthörenden Gemeinschaft ist oft unverständlich, missbilligend, abwertend, genervt,  unwirsch, verächtlich, verletzend. Manchmal aber können Missverständnisse auch lustig werden.

Die Guthörenden verhalten sich unterschiedlich.

  1. Sie reden an uns vorbei. Man erlebt uns teilnahmslos.

  2. Sie sind neugierig. Wollen mehr über die Hörgeräte oder das Cochlea-Implantat wissen und erkundigen sich wie sich sich uns gegenüber richtig verhalten sollen – aber sobald sie sich umdrehen, vergessen sie es wieder und man gelangt erneut an Punkt 1.

  3. Sie sprechen uns in abgehackter und kindgemäßer Sprechweise an, oder halten die Sätze sehr einfach und kurz.

  4. Sie glauben mit uns kann man nur per Gebärdensprache kommunizieren, und schon sind wir erledigt für sie. 

  5. Sie tun in Gruppen auf kollegial, um ihr soziales Image vor den anderen aufzupolieren. Ist man mit ihnen alleine, bemerken sie uns wieder nicht.

  6. Sie wissen wie, sprechen etwas langsamer, schauen uns beim Sprechen an  und halten ihre Körperhaltung ruhig und bringen Geduld auf.

  

Anbei wahre Begebenheiten, im Anschluss werden Tipps für den richtigen Umgang mit Schwerhörigen aufgezeigt.

beim Zahnarzt in der Ausbildung I
in einem Restaurant in der Ausbildung II
beim Tanzkurs im Schwimmbad
am Bahnhof in der Arbeit I
in der Verwandtschaft aus der Arbeitswelt
Briefverkehr in der Arbeit II
Zeitung irgendwo im Grünen...
beim Einkaufen

beim Zahnarzt:
Vor der Behandlung wird ausgemacht, wenn Zahnarzt etwas sagen will, möge er Mundschutz abziehen, damit der Schwerhörige ihn mit den Lippen ablesen kann. Der Schwerhörige erklärt auch kurz warum und wieso. Es wird fleißig gebohrt und plötzlich spricht der Zahnarzt. Der SH versteht ihn nicht und deutet hektisch mit der Hand auf den Mundschutz. Zahnarzt reagiert etwas entnervt.
Für Guthörende ist Schwerhörigkeit einfach kaum nachvollziehbar. Man spricht zwar ganz prima, aber wenn kein Mundbild möglich ist, dann hapert es im Verstehen. Lippensprache ist für die Guthörenden eine nicht nachvollziehbare Sprache!

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In einem Restaurant:
Kellnerin stellt Rechnung, schreibt geschwind auf und nennt Zahlungsbetrag. Die Schwerhörige versteht nicht, fragt nach und versteht wieder nicht. Sie löst das Problem damit, dass sie einfach den 100 Euro Schein gibt. Damit fangen die Probleme oft vermehrt an. Kellner kann schwer ausgeben und fragt um ein paar Euro oder Centsmünzen nach. Die Schwerhörige versteht nun gar nichts mehr.
Wie wärs: die Rechnung auf den Tisch legen? Leider ist es so, dass SH oft nicht zugeben, ich habs nicht verstanden.. Und in lauter Umgebung verstehen wir sowieso nichts klares. Dadurch entsteht eine Stresssituation.

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Beim Tanzkurs:
Musik geht los, der SH tut sich schwer den richtigen Takt zu finden, schließlich gibt Mann vor. Spricht seine Dame an: Könntest du den Takt vorgeben? Augenrollen der Dame. Erste Schritte gehen fehl. Noch ein Versuch und wieder klappt es nicht. Dann plötzlich verlässt Dame mitten im Tanz wortlos ihren Partner, lässt ihn so einfach stehen.
Schöner Charakter. Was ist so schwierig, dass Frau Mann den ersten Takt vorgibt???

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Am Bahnhof:
Schwerhöriger bestellt sich Fahrkarte beim Schalter. Wie es nun mal am Bahnhof ist - sehr laut. Kunde versteht nicht, Schaltermann wird ungehalten. Wo wollen sie hinfahren? Einfache Fahrt oder Retour? – der Schwerhörige sagt was falsches, passt mit den Fragen nicht zusammen. Schaltermann laut: WO FAHREN SIE HIN? NUR HIN? NUR ZURÜCK? 28EURO ZAHLEN.
Tja, durch Glas getrennte Schalter sind Sch... für uns. Und überhaupt dieser Umgebungslärm in der grossen Bahnhofshalle. Und schreien sie uns nicht an, bringt gar nichts. Durch das Schreien verzerrt sich die Artikulation wieder, dass wir noch schlechter verstehen.

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In der Verwandtschaft:
Jo, i weiß, wie schwer es für dich, du bist so ein Armer. Musst so viel kämpfen, musst so viel durchmachen. Ma du tust mir so leid. Schau, ein kleines Taschengeld für dich.
Wie wär’s, uns zu behandeln wie jeder andere? Und positive Sicht einzuimpfen?Wenn man immer getragen wird, wird man sich selber nie tragen können. Für die Eigenständigkeit und Selbstständigkeit ist das aber ganz wichtig.

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Briefverkehr:
In einem besonderen Anliegen für Schwerhörige kontaktiert ein Aktivist der „Junge Stimme“ ein Unternehmen. Als Antwort erhielt der Schwerhörige: [...] Wie interessant, ich hatte früher die Gebärdensprache lernen wollen, das wäre sehr spannend, blablabla.......
Wieder einmal. Wir Schwerhörige werden als Gehörlose angesehen und schon redet man von der Gebärdensprache. Kompletter Unsinn.

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Zeitung:
Ein Aktivist der Schwerhörigenbewegung möchte erreichen, dass eine
Freizeiteinrichtung (Kino) so gut es geht schwerhörigengerecht
ausgestattet wird.
Dieses Vorhaben wird bekannt und plötzlich bittet ein Redakteur einer
großen Landeszeitung Oberösterreichs den Aktivisten um eine Stellungsnahme zu diesem Vorhaben, den Plänen und angepeilter Lösung des Kinobetreibers. Überraschenderweise wird in der Zeitung nachher eine Stellungsnahme einer ganz andere Person abgedruckt.
Wir engagieren uns in einer Angelegenheit, beantworten ausführlich die
Stellungsnahme für diese Zeitung, und letztendlich werden wir ignoriert. Für wie dumm hält man uns eigentlich? 

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Beim Einkaufen:
Bekleidungsgeschäft. Schwerhörige Kunde lässt sich beraten von Modeverkäuferin. Klappt alles gut, nur bei der Kassa fällt ihr etwas auf, das der Kunde etwas am Ohr trägt und sie fragt:  Ähm, tragen sie leicht Hörgeräte? Das fällt mir jetzt erst auf – Sie sprechen aber gut! Ich bin so überrascht.
Moral der Geschichte. Schwerhörigkeit sieht man oft nicht, die Beratung fand in erheblich ruhigerem Bereich ab, bei der Kassa übertönt wieder der Lärm, da tun wir uns mit dem Verstehen schwer.

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 In der Ausbildung:
Speziell in der Ausbildung gibt es für die schwerhörige SchülerIn spezielle Mikroportsysteme. Diese filtert den Klassenlärm weg und nur die Stimme des Lehrenden wird aufbereitet übertragen. Doch manche Pädagogen haben Zweifel, dass die Zusatzgeräte etwas bringen. Stellen es lieber auf den Tisch hin. Und einem Lehrer als Autoritätsperson traut sich ein Schüler nicht wirklich entgegenzusetzen, schon kaum ein schwerhöriger SchülerIn..
Liebe Pädagogen. Hängen sie das Mikrofon um. Die Mikrofone sind heutzutage so klein und leicht gebaut, dass sie wahrlich keine Nackenschmerzen bekommen werden. Zudem können sie Schwerhörigkeit einfach nicht nachvollziehen. Und in der Ausbildung ist die vollständige Aufnahme aller Inhalte ganz ganz wichtig.

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In der Ausbildung II:
Lehrer marschiert in Klasse auf und ab, vor und zurück und referiert und referiert. Wendet mal den Kopf in diese Richtung, dann andere Richtung.
Tja, schwerhörige Schüler benötigen direkten Blickkontakt und ruhige Körperhaltung. Auch wenn es dem Lehrpersonal klar gemacht wird, es passiert doch, dass es vergessen wird.

Ganz gerne lehnt Pädagoge sich an der Fensterseite um von dort aus vorzutragen.
Das ist ganz ungünstig. Durch das einfallende Licht ist das Gesicht verdunkelt und somit kann nicht vernünftig mit den Lippen abgelesen werden.

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in der Schule:
Gesangsunterricht. Lehrer meint zur schwerhörigen Schülerin: Du brauchst nicht mitsingen, weil du hörst schlecht und kannst daher nicht singen!
Der Musiklehrer beweist unglaubliches Taktgefühl. Sicherlich können Schwerhörige singen und haben Freude an der Musik. Ohne Mitmachen wird man nie etwas dazulernen können.

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im Schwimmbad:
Ansehnlicher junger schwerhöriger Mann ist im Hallenbad. Wird von zwei Mädchen angesprochen, und der schwerhörige Feschak versteht die Mädels nicht. Macht deutlich, dass er hörgeschädigt ist und ohne Hörgeräte nur schwer verstehen kann, möchte sie aber gerne nach dem Schwimmen draußen treffen. Die Mädels (guthörend) versprechen Treffpunkt, doch draußen wartet dann niemand auf den jungen Mann.
Hörgeräte oder Cochlea-Implantat  sind nicht wasserdicht. Im Bad sind die Schwerhörigen dann taub – also Gehörlos! Es ist einfach dumm und unehrlich, etwas versprechen und vorgaukeln und dann nicht einhalten.  

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In der Arbeit:
Kollege fragt einen schwerhörigen Mitarbeiter, mit dem er das erstemal zu tun hat: Haaallooooo, ssooooo sschoooennnnnn aarbeittteeeen, soo saaauuber, sooo orrrdennnliiiiich! Alllesss so guuutt machen!
Der schwerhörige Mitarbeiter entgegnet: Ja Hallo - kommst du aus dem Yugoslawien oder Türkei? Kollege schaut verdutzt drein und ist sprachlos! Seither spricht der Kollege ganz normal mit seinem schwerhörigen Mitarbeiter.
So soll es auch sein!  

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Aus der Arbeitswelt:
In einem Projekt, wo vorwiegend Schwerhörige arbeiten, wo auch das Thema
Schwerhörigkeit aufgearbeitet wird, passiert folgendes:
Ein guthörender Mitarbeiter ruft in den nebenanliegenden Raum zu einer schwerhörigen Mitarbeiterin hinüber. Die schwerhörige Mitarbeiterin springt von ihrem Sessel auf und hastet in den Raum, wo der Aufruf erfolgt, um den guthörenden Mitarbeiter verstehen zu können.
So geht das nicht! Man geht auf einen Menschen zu, ein Schwerhöriger kann nicht verstehen, was hinter seinem Rücken gesprochen wird, auf größere Entfernung schon gar nicht.
Der Gipfel dieser Geschichte ist, dass es sich bei diesem guthörenden
Mitarbeiter um eine Person handelt, welche jahrelang mit Hörgeschädigten
zu tun hatte. Ob Schwerhörigkeit wirklich verstanden wird? Kaum zu glauben!

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In der Arbeit II:
Vorgesetzter kommt ins Büro eines schwerhörigen Mitarbeiters. Und spricht ihn an. Der Schwerhörige reagiert nicht.
Besser, sie gehen auf einen Schwerhörigen so zu, dass direkter Blickkontakt hergestellt ist, oder klopfen sie sachte auf die Schulter, um auf sich aufmerksam zu machen.  

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Irgendwo im Grünen, diskret und Abends Nacht:
Zwei schwer Verliebte, eine davon schwerhörig. Im Dunkeln kein Lippenablesen möglich. Das Spiel der Worte ist einfach nicht möglich. Offensichtlich tötet das die Romantik? 
Da gibt’s nur eines: Augen zu und mit den Lippen direkt sprechen. Auch Haut kann sprechen! Liebe kann man leichter hören. Fühlen offensichtlich schwieriger?

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(C) Junge Stimme

 

DER Treffpunkt für junge erwachsene schwerhörige Menschen, die lautsprachlich untereinander kommunizieren.